
Rieslingtraube / Weinlese 2003
In jedem Jahr und zu jedem verschiedenen Lesezeitpunkt ist die Reife der Trauben in jedem Weinberg unterschiedlich. Ein, zwei Bilderbuch-Sonnentage mehr oder weniger, ein Regen mehr oder weniger, eine Nebelphase zum richtigen oder falschen Zeitpunkt, ein Hagelschlag - ungezählt sind die Unwägbarkeiten, die die Qualität der Trauben in jeder Lage positiv oder negativ beeinflussen können. Hinzu kommt die oft glückhafte Entscheidung des Winzers, am richtigen Tag, in der richtigen Woche zu lesen, vorzulesen, auszulesen. Drei, vier Lesegänge sind in den meisten Weinbergen bei uns selbstverständlich. Dies alles trägt zur Qualität eines jeden Weines aus jeder Lage bei, schafft oft eine Reihe verschiedener Weine und steht allen Versuchen entgegen, eine Lage auf einen bestimmten Weintyp, einen bestimmten Weincharakter zu fixieren. Dies ist ein Wunschdenken aus der Markenindustrie, das auf den Wein übertragen ihm letzten Endes die individuelle Seele rauben würde.
Anders als in anderen Regionen und bei anderen Rebsorten haben wir beim Riesling aus unseren Schiefersteillagen zudem das Glück, dass dieser schon bei sehr bescheidenem Mostgewicht und Alkoholgehalt ab 9 % vol. einen wunderbar süffigen, natürlich-leichten trockenen Kabinett ergeben kann, der keinerlei Anreicherung durch Zucker oder Konzentrierungsverfahren benötigt. Andererseits ernten wir im Idealfall nach strengster Lese große dichte trockene Auslesen mit 13 % vol. Dazwischen liegt ein Riesenspektrum an "Gewichtsklassen", vor allem die bei uns so äußerst beliebten trockenen Spätlesen.
Hinzu kommt, dass der Mosel-Riesling wie kaum ein anderer Wein in der Welt die einzigartige Begabung besitzt, auch in der feinherben, fruchtsüßen und edelsüßen Geschmacksrichtung durch seinen Säure- und Mineralreichtum mit Spannung und Finesse zu glänzen.
Es ist im Grunde ein Wunder, dass auf einem so kleinen Fleckchen Erde, auf nur wenigen Kilometern eine solche Vielfalt an Weincharakteren entstehen kann, wie wir sie ausbauen – und dies auf ganz natürliche Weise. Die Prädikate, nach denen wir unser Weinangebot geordnet haben, sind Resultat einer Naturwein-Tradition, die sich an der Mosel bereits im 19. Jahrhundert zu hohem Niveau entwickelt hat. Es sind für uns nach wie vor die idealen Begriffe, um die Differenziertheit unserer Lese und die natürliche Reife der Trauben auf dem Etikett ausdrücken zu können.
Zudem ist es ist eine große Hilfe für uns und unsere Kunden, ermöglicht es doch, nach Lust und Laune (sowie auch dem Geldbeutel) Weine verschiedener "Gewichtsklassen" auszusuchen.
Den teilweise verbreiteten Trend, im trockenen Geschmacksbereich die leichteren Kabinett-Weine und auch die anderen Prädikate abzuschaffen und die Weine notfalls mit Zucker und Konzentrierung auf ein künstlich „hohes Niveau“ zu bringen, können wir nicht nachvollziehen. Wir halten klar an den natürlichen Reifestufen fest und: warum soll es nur im süßen Geschmacksbereich die Differenzierung zwischen leichteren und schwereren Weinen geben?